Trail for Africa - Fahrt in die Zukunft
Tag 49 (22.02.2007)
Einiges zu erledigen
Man könnte meinen, dass nach 45 Tagen im Auto, nach ca. 10.000 km quer durch Afrika mit all den Strapazen und Entbehrungen etwas Ruhe einkehren könnte. Dass eine Art von Erschöpfung sich breit macht, dass der Körper sich meldet und sagt: Hallo, ich brauche nun etwas Ruhe, nimm Rücksicht auf mich. Aber nein, nicht so bei Daniel. Seine Energie scheint unerschöpflich und sicherlich ist ihm die verbleibende Zeit hier in Dar es Salaam viel zu kurz, um noch all die Dinge zu erledigen, die eben zu erledigen sind.

Es war sehr heiß in der Nacht, aber wir konnten gut schlafen. Ein frecher Rabe weckt uns mit seinem Gezeter gegen 6 Uhr. Eine frische Brise weht durch unsere einfachen Hütten, die auf Stelzen gebaut sind. Heute haben wir viel vor, der Tag ist wie immer voll gepackt. In Europa wäre das alles vom Pensum her kein Problem, aber hier in Tansania ticken die Uhren definitiv anders. Langsamer. Es gibt keinen Grund zur Eile. Und die Hitze erlaubt uns nicht, im europäischen Tempo durch das Land zu fegen.

Wir starten früh mit Peter, Jan und Nicole Richtung YWAM. Yout with a mission kooperiert mit Streetkids, zusammen haben wir das MEC Multipurpose Education Center auf die Beine gestellt. Wir fahren also los, leider ohne Rückbank im Toyota, die natürlich ausgebaut wurde, um auf dem Trail for Africa genug Platz für andere Sachen im Auto zu haben. Wir sitzen also hinten provisorisch auf einer Kiste und ein paar Kissen. Gestern waren wir schon in einer Werkstatt, um uns um eine Rückbank zu kümmern, die wieder eingebaut werden soll. Aber wie gesagt, so schnell geht das hier alles nicht...

Wir fahren ca. 20 Kilometer weiter in den Süden Dar es Salaams. Lehmhütten säumen die Straße, viele Menschen bewegen sich am Straßenrand. Transport ist ein großes Problem hier in Tansania, alle wollen irgendwohin, keiner hat Geld und das Transportsystem ist eine einzige Katastrophe. Vollgestopfte Minibusse, überladen, fahren viel zu schnell und nicht selten passieren dramatische Unfälle. Viele Männer auf dem Fahrrad mit Anhänger, voller Kokosnüsse, Mangos, Orangen oder Zuckerrohr. Immer zu viel, immer zu voll. Die Männer treten in die Pedalen, langsam und kraftvoll und wir staunen immer wieder, dass sie überhaupt vorankommen.

Das Multipurpose Education Center (MEC)
Nach 20 Minuten kommen wir beim MEC an. Jeremiah, unser Freund und Direktor von YWAM Tansania und Kenia, steht mit dem Pinsel an einer der Türen und streicht. Herzliches Begrüßen, großes Hallo, Umarmungen. Alle stehen staunend um den Toyota mit Frankfurter Kennzeichen herum. Besonders die Tansanier können sich diesen Trip gar nicht richtig vorstellen, sie staunen und lauschen Daniels Erzählungen. Das MEC ist so gut wie fertig! Es sieht toll aus, geräumig. Genug Platz für 10–15 Mädchen und ca. 10 Jungs, die Schneiderin bzw. Schreiner lernen möchten. Es gibt Ausbildungsräume und Wohnräume, eine große Küche und jeweils Dusche/WC für die Mädchen und Jungs. Alles ist einfach, aber sauber. In der Mitte des Innenhofes, das MEC ist in Hufeisenform gebaut, hat Jeremiah einen kleinen Baum gepflanzt. Er soll wachsen und gedeihen, genau wie unsere Idee, jungen Menschen in Tansania eine Zukunft zu geben. Wir zeigen Jan und Nicole das Haus und erklären alles. Es gibt sogar Außentoiletten, so genannte Plumpsklos, damit Besucher nicht die Toiletten der dort Wohnenden benutzen müssen. Jeremiah erklärt, dass auch ein Nutzgarten um das MEC angelegt werden soll, hier werden Spinat und andere Gemüsesorten angebaut, die dann verwertet werden. Vom großen Dach des Gebäudes wird Wasser gesammelt, das in große Wassertanks fließen wird. Alles sieht gut durchdacht aus und Daniel ist glücklich, dass das MEC für die geplante Einweihung am Samstag bereit ist.

Wir fahren ein paar Meter weiter auf dem großen Gelände der YWAM, zu Beate, Jeremiahs Frau und unserer Freundin (eine Deutsche aus Neu-Isenburg!). Wiederum werden wir herzlichst begrüßt und alle sind froh, Daniel und Peter gesund und munter zu sehen. Alle sagen, dass sie viel für Daniel gebetet haben, während der Reise und Daniel scherzt, dass sie es wohl am Tag des Unfalls im Sudan vergessen hätten. Beate hat freundlicherweise für Peter das Gästezimmer vorbereitet. Da er noch ein paar Aufnahmen hier rund um das MEC machen möchte und dazu etwas Zeit braucht, wird er hier schlafen. Und Beate freut sich, endlich wieder eine Runde Deutsch sprechen zu können.

Waisenhaus in Mbagala
Wir fahren weiter Richtung Innenstadt von Dar es Salaam, vorbei an unzähligen LKWs voll gepackt mit Holz, die die leichte Steigung nicht bewältigen können und einfach anhalten. Unser nächstes Ziel ist Mbagala, dort steht eines unserer Kinderhäuser, das wir Jan und Nicole zeigen möchten. Wir biegen von der Kilwaroad ab, vorbei an vielen kleinen Shops, kleine Blechhütten, in denen alles, von der Prepaidkarte bis hin zum Insektenvernichter, angeboten wird. Es gibt Salons (Friseur) und Apotheken, Duka la Dawas (Haushaltswaren) und selbstverständlich jede Menge Obsthändler. Viele kleine Bars und Kioske, die so lustige Namen wie George Bush Bar oder Looser Bar haben. Die Seitenstraßen sind nicht asphaltiert, wir fahren durch tiefen Sand. Eine Autowerkstatt amüsiert uns, dort wird gerade direkt auf dem Sand ein Auto lackiert. So ist das hier eben. Vorbei an einem großen Bolzplatz, noch mal rechts, noch mal links - wir sind da.

Ein großes schwarzes Eisentor, Daniel hupt und sofort wird das Tor geöffnet. Man könnte meinen, die Kids warten direkt dahinter auf uns. Alle freuen sich, die Kinder strahlen, Penina, die Hausmama, umarmt mich herzlich und strahlt, was das Zeug hält. Hausmädchen Elisabeth drückt mich auch so fest, dass ich denke, mein Brustkorb nimmt Schaden. Jan und Nicole beobachten interessiert und finden das Haus sehr schön. Wir machen sofort einen Rundgang und zeigen das Esszimmer mit dem einfachen Holztisch und Stühlen, die Zimmer der Jungs und Mädchen und das von Penina bzw. Elisabeth. Alles ist sauber und fein aufgeräumt, die Schuhe stehen in Reih und Glied.

Daniel schaut sich die Zeugnisse an und spricht mit Penina über die Kinder. Peter, unser Kleinster, ist doch tatsächlich Klassenbester und mächtig stolz darauf! Auch alle anderen bringen gute Leistungen in der Schule. Unser Großer, Onesmo, besucht ja nun bereits seit einem Jahr die Secondary School und hat ebenfalls zufrieden stellende Ergebnisse. Daniel erklärt den Kindern immer wieder, dass sie sich viel Mühe in der Schule geben müssen und dass Bildung das allerwichtigste im Leben ist. Die Kinder schauen ihn mit großen Augen an, sie lachen und sind wie immer etwas schüchtern, wenn er durch das Haus poltert. Er nimmt sie alle nacheinander auf den Arm, begrüßt sie noch mal herzlich und lacht mit ihnen.

Jan macht mit seiner Profikamera noch ein paar Kinderbilder, auch Portraits, so dass wir unseren Paten wieder aktuelle Bilder ihrer Kinder schicken können. Wir verabreden uns für Samstag zu der Einweihung des MEC, zu der selbstverständlich alle Kinder und die Hausmama eingeladen sind. Alle wieder ab in den röhrenden Toyota, kurzes Winken, Kwaheri (Auf Wiedersehen), Tor zu - weiter geht es Richtung Kiyitonjama. Zwischendurch telefoniert Daniel mehrmals mit Tony aus der Werkstatt, wegen der Rückbank. Ja, er habe evtl. eine Bank für ihn, er wisse noch nicht genau, vielleicht, 80 Euro soll sie kosten und er versuche, es genauer abzuklären. Und Daniel solle ihn doch wieder anrufen. Hm, Daniel ist nicht zufrieden - nichts kann man hier so schnell abklären. Du brauchst Geduld und einen verdammt langen Atem.

Zurück nach Kiyitonjama
Die Fahrt ist die Hölle. Abgase ohne Ende, Minibusse, die sich rücksichtslos überall hineindrängeln, Gestank von verbranntem Müll, viele Fußgänger, die Kreuz und quer die Straßen überqueren. Die Fenster sind offen, der Toyota ist nicht klimatisiert, wir brauchen den Fahrtwind, damit wir die Temperatur ertragen können und gleichzeitig atmen wir den Staub und Dreck ein. Jan und ich sitzen hinten auf der Kiste und fallen durch Schlaglöcher in den schlechten Straßen hin und her. Es ist nun schon nachmittags, 17 Uhr, und die Straßen sind voll. Alle wollen nach Hause.

Schließlich kommen wir endlich in Kiyitonjama an. Die Kids kommen uns entgegen und flüstern in ihrem schüchternen Englisch „Good evening Mama Kordula" und strahlen mich an. Wie immer reißt man mir meine Tasche aus der Hand und trägt sie ins Haus. Das ist ein Ritual, wehren zwecklos. Die Kinder streiten sich fast darum, wer die Tasche hineintragen darf. Ähnlich geht es Jan, der etwas erstaunt und zögerlich seine Kameratasche hergibt. Ich beruhige ihn und erkläre. Wir hatten uns heute Abend hier zum gemeinsamen Essen angekündigt, zusammen mit Jan und Nicole. Daniel zeigt den beiden das Haus und den schönen Garten. Die Palmen, die ich hier mit Daniel vor vier Jahren gepflanzt und die damals knappt einen Meter hoch waren, ragen nun groß in den Himmel und die Blätter rascheln im Wind. Alles ist vorbereitet, es gibt Pilau (ein tansanisches Gericht, mit sehr würzigem Reis, Rindfleisch und Salat). Die Kinder bringen uns Stühle hinaus in den Garten, im Haus ist es zu warm, die Luft steht. Daniel und ich holen den Tisch und dann wird gedeckt. Alle freuen sich, dass wir da sind.

Alle sitzen zusammen, auch Eva unsere Hausmama und ihr Mann Jesse. Susi, das kleine Baby, schreit und will keine Ruhe geben. Es wird weitergereicht, jeder hält es mal im Arm, damit alle essen können. Es schmeckt wie immer total lecker und wir loben Anna, das Hausmädchen, für ihre Kochkünste. Außerdem gibt es frischgepressten Fruchtsaft. Nach dem Essen bringt jedes Kind seinen Teller selbst in die Küche und bedankt sich bei Anna für das Essen „Assante kwa chakula". Heute hat Mashaka Küchendienst, es gibt dafür natürlich einen Plan. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit Jesse und Eva und machen uns dann auf den Weg nach Kipepeo. Wir müssen noch über die Fähre, das kann bis zu drei Stunden dauern und wir rechnen mit dem schlimmsten.

Wir fahren von Kiyitonjama durch Dar es Salaam, Bagamoyo Road, Ocean Road - Richtung Hafen. Vorbei am Präsidentenpalast und am Aga Khan Hospital. Der Fischgeruch steigt uns in die Nase, der Fischmarkt ist direkt an der Fähre. Wir haben Glück, wenig Betrieb, wir müssen nur eine halbe Stunde warten, dann tuckert die alte Rheinfähre heran. Laute Musik auf der Fähre, Hauptsache laut, die Boxen sind natürlich kein Klangerlebnis, es scheppert und kracht. Ganz normal. Auf der anderen Seite angekommen, fahren wir noch weitere 10 Minuten, hier ist es sofort ruhiger und die Luft ist besser als in der Stadt. Jan und Nicole sind erschöpft und ich freue mich auch auf mein Bett. Wir beschließen, noch ein kühles Bier an der Bar zu trinken und lassen den Tag Revue passieren. Daniel sagt, er müsse sich morgen dringend um die Rückbank kümmern. Und noch viel wichtiger: Wir werden die zwei freien Plätze in Kiyitonyama, Lulu und Joshua sind seit Januar auf einer Fulltime-Secondaryschool untergebracht, wieder belegen. D.h. Eva und Jesse werden wieder zwei Kindern ein Zuhause geben können. Selbstverständlich kommen Lulu und Joshua in den Ferien heim, dann rücken eben alle zusammen, aber wir wollen jede Möglichkeit nutzen, um den Kindern ein Zuhause zu geben. Eines mit Liebe und Geborgenheit. Das kalte Bier tut gut. Erschöpft und zufrieden laufen wir über den Sand zu unseren Hütten. Morgen geht es weiter. Ich werde darauf achten, dass Daniel etwas zur Ruhe kommt. Das nehme ich mir fest vor. Lala salaama - Gute Nacht!

Bericht von Kordula Preuß
Streetkids International e.V. Streetkids International e.V. Streetkids International e.V.